Flight Free: Anne Weiss


„Ich fliege seit Jahren nicht mehr – natürlich wegen des Klimas, aber auch, weil ich keine Lust habe, meine Zeit in Blechkisten zehn Kilometer über der Erde zu verbringen und mir Krampfadern zu holen.

Dafür habe ich nun eine eigene, persönliche Liste von Zielen, die auch per Bus, Bahn oder Fahrrad zu erreichen sind. Mir hilft die Liste, um Pläne zu schmieden und lohnende Orte, von denen ich gelesen habe, nicht wieder aus dem Auge zu verlieren. Sie hilft mir, den Blick auf das zu richten, was ich gewinne, statt darauf, was ich aufgeben muss. Und sie wächst ständig an.

Meine Liste macht mir immer aufs Neue bewusst, wie viele Möglichkeiten ich habe. Und statt eng gedrängt ganz viel zu sehen, nehme ich mir Zeit beim Reisen. Ich mache keine zehn Städte in zwölf Tagen mehr, sondern lieber eine oder zwei richtig. Mit Zug, Boot oder Rad lasse ich mich aufs Tempo der Reise ein, mit der Dauer des Aufenthalts auf das Tempo des Ortes. Auf die Kultur, die Natur und die Menschen dort. Es hat mehr Würde, so zu reisen, und mir macht es mehr Spaß.

Auf der Liste steht alles Schöne vom Kajakfahren im Donautal bis zum Wandern in der Schwäbischen Alb oder auf dem Harzer Hexenstieg. Von der Tour zur Geierlay-Hängeseilbrücke im Hunsrück bis zum Morsum-Kliff auf Sylt. Vom Tauchen im Walchensee bis zum Streifzug durchs Hohe Venn. Erkundungstouren in der Eifel und im Elbsandsteingebirge, mit der Bastei-Brücke. Altmühltal. Moseltal.
Ich will übernachten in einem Cloefhanger, so etwas wie ein Zelt im Baum, an der Saarschleife. Das Saarpolygon sehen. Reetdachhäuser und Museen im Gebiet Eider-Treene-Sorge erkunden. In die mittelalterliche Altstadt von Ladenburg. Im Sternenpark Rhön ein paar Schnuppen beobachten. Glamping – also komfortableres Camping – im Biosphärenreservat Bliesgau. Naturpark Kellerwald-Edersee mit seinen ursprünglichen Buchenwäldern. Die märchenhaft wirkende Rakotzbrücke in Sachsen besuchen. Bei Garmisch-Partenkirchen durch die Partnachklamm, eine enge Schlucht. Hiddensee. Havelland. Darß, Zingst. Rügen, wo das Licht unvergleichlich ist, und Usedom. Eine Führung über die Insel Vilm, wo früher nur hohe DDR-Funktionäre Urlaub machten. Norderney und Helgoland und Juist. Föhr und Amrum. Den höchsten Wasserfall Deutschlands in Triberg im Schwarzwald sehen. Der von grünen Hängen umschlossene Schrecksee in Bayern. Der Königssee. Eine Seebrückentour an der Ostsee. Den Baumkronenpfad im Nationalpark Hainich in Thüringen ausprobieren. Das Lausitzer Seenland, der Werbellinsee in der Schorfheide. Gurken essen im Spreewald. Die Saalfelder Feengrotten im Thüringer Schiefergebirge. Fahrradfahren im Odenwald. Kanufahren auf der Mecklenburgischen Seenplatte. Paragliding am Bodensee. Der Radweg-zur-Kunst im Leinebergland. Die Apfelblüte im Alten Land sehen. Uckerseentour in Brandenburg. Radfernwege von der Berlin-Kopenhagen-Route über die 100-Schlösser-Tour, den Ostseeküstenradweg, die Deutsche Fährstraße und den Oste-Radweg, den Bahnradweg in Hessen, den Bodensee-Königssee-Radweg, den Main-Radweg und die Europaroute Eiserner Vorhang/Grünes Band. Wandern mit meiner Mutter auf dem Jakobsweg, einen Teil der Strecke in Frankreich. Verdonschlucht. Zum Apfelfest nach Ebeltoft in Dänemark. Mit dem Paddelboot entlang der Küste Bornholms. In Amsterdam auf einem Hausboot wohnen. Endlose Sandstrände auf Texel. Graubünden. Das Donaudelta mit seinen Pelikanschwärmen. Wien. Tauchen vor der Küste von Sardinien. Eine Alpentour, vielleicht die Drei Zinnen in den Dolomiten sehen. Sizilien. Urbino südlich der Toskana. Scilla in Kalabrien. Algarve, die Höhle von Benagil. Die Hohe Tatra. Masuren. Baden in Łeba am Słowiński-Nationalpark. Auf dem Fernradweg durch Polens Osten. Krakau, Breslau. Ein Abstecher ins Riesengebirge zu Rübezahl. Warschau. Budapest. Bratislava, Roadtrip durch die Slowakei. Prag. Riga. Vilnius. Die norwegischen Fjorde. Madrid, Sevilla. Die römischen Ruinen und Welterbestätten in der Extremadura. Edinburgh, Glasgow. Sofia. St. Petersburg. Dubrovnik. Die kroatische Riviera. Plitvicer Seen. Über Belgrad in den Biogradska Gora Urwald, um zu campen. Im Südwesten Serbiens an der Uvac wandern und in den Canyon hinabblicken. Kopenhagen. Stockholm. Florenz. Venedig. Lecce. Das Pindosgebirge in Griechenland. Korsika. Montenegro. Bisons sehen im Nationpark Bialowieza, dem letzten Tiefland-Urwald Europas. Nussbaumplantagen, mittelalterliche Städtchen und Schlösser in der Dordogne. Marseille. Die Ockerbrücke von Roussillon in der Provence. Ein Festival in Lwiw in der Ukraine besuchen. Die Strände von Cornwall, den Geburtsort von Shakespeare in Warwickshire besuchen. Yorkshire. Punkva-Höhlen und Macochva-Schlucht im Moravian Karst in der Tschechischen Republik besuchen. Durch die Highlands von Schottland fahren.“

(aus: Anne Weiss: „Mein Leben in drei Kisten“, Droemer Knaur 2019)

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